Islamische Revolution
Die Islamische Revolution (persisch انقلاب اسلامی Enghelāb-e Eslāmi) war eine vielschichtige revolutionäre Massenbewegung im Iran, die 1979 zur Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi und zur Beendigung der Monarchie im Iran führte. Symbolfigur und später Revolutionsführer war Ajatollah Ruhollah Chomeini, der in der Revolution sein Staatskonzept durchsetzte und neues Staatsoberhaupt wurde.
Die ersten Demonstrationen gegen den Schah begannen im Januar 1978. Zwischen August und Dezember 1978 legten Demonstrationen und Streiks die Wirtschaft des Landes lahm. Der Schah verließ das Land Mitte Januar 1979 und zwei Wochen später kehrte Ajatollah Chomeini zurück nach Teheran, wo er von den jubelnden Massen begrüßt wurde. Die konstitutionelle Monarchie brach spätestens am 11. Februar 1979 endgültig zusammen, als Guerillagruppierungen und bewaffnete islamistische Revolutionäre die schahtreuen Teile der Armee in Strassenkämpfen angriffen. Am 1. April 1979 wurde die bisherige Verfassung durch ein Referendum abgeschafft und durch eine theokratische Verfassung mit Chomeini als dem obersten Führer ersetzt.
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Vorgeschichte
Der schiitische Klerus (Ulama) hatte immer einen bedeutenden Einfluss auf die Teile der iranischen Bevölkerung, die religiös und konservativ waren und westliche Einflüsse in der iranischen Gesellschaft ablehnten. Das der Klerus eine bedeutsame politische Kraft war, zeigte sich in der jüngeren Geschichte Irans 1891 in der Tabakbewegung, die sich gegen ein von Naser al-Din Schah erteilte Konzession richtete, die den gesamten Tabakhandel im Iran an eine britische Imperial Tobacco Corporation vergeben hatte.
Wenige Jahre später beteiligten sich auch schiitische Geistliche im Rahmen der Konstitutionellen Revolution von 1905 bis 1911 am Sturz der absolutistischen Monarchie und dem Aufbau einer konstitutionellen Monarchie mit einer Verfassung und einem Parlament. Während der Konstitutionellen Revolution kam es zu heftigen Diskussionen zwischen der Geistlichkeit und den bürgerlichen Kräften, welche Rolle der Islam in der Verfassung spielen solle. Revolutionsführer Chomeini bezog sich in seinen Schriften direkt auf den 1909 von den Konstitutionalisten erhängten Scheich Fazlollah Nuri und bezeichnete ihn als Vorbild, der für die Vorherrschaft der Religion im politischen System Irans gekämpft habe. Nuri hatte in der verfassungsgebenden Versammlung durchgesetzt, dass eine Kommission schiitische Geistlicher jedes vom Parlament verabschiedete Gesetz daraufhin überprüfen müsse, dass es nicht den Gesetzen des Islam widerspreche, da es ansonsten nichtig sei.
Jahrzehnte später kam es dann zu den zu erwartenden Auseinandersetzungen zwischen dem Klerus und Reza Schah Pahlavi, der bis dahin gültige islamischen Gesetze und Gerichte 1927 durch ein modernes Rechtssystem westlicher Prägung ersetzte, das Tragen des Hidschab verbot und die koedukative Erziehung in den Schulen einführte.
1941 musste Reza Schah Pahlavi nach der anglo-sowjetischen Invasion Irans auf britischen Druck zurücktreten. Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi folgte ihm auf dem Thron. Schah Mohammad Reza Pahlavi suchte die Aussöhnung mit der Geistlichkeit und lud die in den Irak geflüchteten Ajatollahs ein, in den Iran zurückzukehren.
1953 führte eine von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens durchgeführten Operation zum Sturz von Premierminister Mohammad Mossadegh. Mit der als Operation Ajax in die Geschichte eingegangenen Geheimdienstoperation wurde die Machtstellung Schah Mohammad Reza Pahlavis weiter gefestigt. Mossadegh, der während seiner Amtszeit als Nationalheld gefeiert wurde, hatte die iranische Ölwirtschaft verstaatlicht, um die Ausbeutung der iranischen Ölfelder durch die britische Anglo-Persian Oil Company zu stoppen. Damit löste er eine internationale Krise aus (Abadan-Krise), die letztlich zu seinem Sturz führte.
Der Aufstieg des Ajatollah Chomeini
Chomeinis Kritik an der “Weißen Revolution”
Der Führer der Islamischen Revolution, der schiitische Geistliche Ruhollah Chomeini wurde 1963 einem größeren Publikum im Iran dadurch bekannt, dass er sich vehement gegen das Reformprogramm des Schah, das später den Titel “Weiße Revolution” tragen sollte, aussprach. Chomeini sah in dem Programm, dessen Hauptpunkte aus einer Landreform, der Stärke der Rechte der Frauen und einer Alphabetisierungskampagne bestand, einen Angriff auf den Islam. Obwohl Chomeini das Referendum über das Reformprogramm als ein gegen Gott gerichtetes Vorhaben brandmarkte und alle Gläubigen aufrief, nicht an der Abstimmung teilzunehmen, sprachen sich am 26. Januar 1963 5.598.711 Iraner dafür und nur 4.115 dagegen aus.
Am 3. Juni 1963 griff Chomeini während der Aschura-Feierlichkeiten den Schah in einer Rede in Qoms Faizieh Schule persönlich an, indem er eine Rede gegen den Tyrannen unserer Zeit hielt:
„Diese Regierung ist gegen den Islam gerichtet. Israel ist dagegen, dass im Iran die Gesetze des Korans gelten. Israel ist gegen die erleuchtete Geistlichkeit … Israel benutzt seine Agenten in diesem Land, um den gegen Israel gerichteten Widerstand zu beseitigen … der Koran, die Geistlichkeit … Oh Mr. Schah, oh erhabener Schah, ich gebe Ihnen den guten Rat nachzugeben und (von diesen Reformen) abzulassen. Ich will keine Freudentänze der Bevölkerung sehen, an dem Tag, an dem Sie das Land auf Befehl Eurer Meister verlassen werden, so wie alle jubelten, als Ihr Vater das Land einst verlassen hat.[1]“
Nach dieser Rede wurde Chomeini am 5. Juni 1963 verhaftet.
Die Rede Chomeinis gegen die Reformen der Weißen Revolution wurden von gewalttätigen Demonstrationen in Qom, Shiraz, Mashhad und Teheran begleitet. Mehr als 10.000 Demonstranten zogen am 5. Juni 1963 durch die Straßen Teherans, um gegen die Verhaftung Chomeinis zu protestieren. Premierminister Asadollah Alam rief die Armee zu Hilfe, nachdem er nur noch mit einem gepanzerten Fahrzeug den Regierungssitz verlassen konnte. Zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg herrschte in Teheran der Ausnahmezustand. Truppen marschierten in den Straßen auf, und es wurde auf Demonstranten geschossen. Tausende wurden verletzt. Die Zahl der Toten wurde von Premierminister Alam mit 20 angegeben. Chomeini und seine Anhänger sprachen von 15.000 toten Demonstranten. Nach einer nach der islamischen Revolution durchgeführten Untersuchung von Emad al-Din Baghi waren am 5. Juni 1963 in Teheran bei den gewalttätigen Ausschreitungen 32 Demonstration zu Tode gekommen.[2]. Der Widerstand gegen Mohammad Reza Schah unter Chomeini hatte sich formiert. Führende Politiker der Islamischen Republik Iran erklären heute, dass der Aufstand im Juni 1963 die Geburtsstunde der islamischen Revolution gewesen sei.[3]
Nach acht Monaten Hausarrest kam Chomeini wieder frei und begann von neuem gegen den Schah und seine Regierung zu agitieren. Im November 1964 wurde er dann ein weiteres Mal verhaftet und in die Türkei abgeschoben.
Chomeini im Exil
Nach seinem anfänglichen Aufenthalt in Bursa (Türkei) konnte er im Oktober 1965 auf sein Drängen hin [4] in den Irak reisen, wo er sich zuerst in Bagdad, dann in Nadschaf, einem heiligen Ort der Schiiten, niederließ. Er konnte sich dort relativ frei bewegen und seine Studien und Lehrtätigkeit fortsetzen. In diesem Klima entstand Chomeinis wichtigstes Werk: Der Islamische Staat (1970). In diesem Werk entwickelte er das Staatsprinzip der Welayat-e-faghih („Herrschaft des Obersten Rechtsgelehrten“). In seiner Agitation gelang es ihm allmählich die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts durch die Ausrichtung am Westen, die eine der Grundlage des Reformprogramms des Schahs war, zu diskreditieren und eine eigene, islamische Fortschrittsideologie zu entwickeln. Dabei griff er auf Jalal Al-e-Ahmads Kritik der Verwestlichung des Irans zurück. Al-e Ahmad sprach von der Verwestlichung (Gharbzadegi) als Plage, die die iranische Gesellschaft vergifte.[5] Einen weiteren wichtigen Beitrag, den als rückwärtsgewandt geltenden schiitischen Islam als fortschrittsorientiert erscheinen zu lassen, waren die Veröeffentlichungen von Ali Shariati. Für ihn zeigte der Islam der Weg zur Befreiung der Dritten Welt vom Joch des Kolonialismus, Neokolonialismus und des Kapitalismus.[6] Morteza Motahharis populäre Predigten über den Kampf des schiitischen Islam gegen die Ungerechtigkeit in der Regelung der Nachfolge Mohammads tat ein übriges, seine Zuhörer für den neuen Kampf gegen die vermeintlichen Ungerechtigkeiten des Schahregimes zu mobilisieren.
Eine der zentralen Themen Chomeinis war es, das die Revolte und besonders der Kampf des Märtyrers gegen Ungerechtigkeit und Tyrannei zentraler Bestandteil Teil des schiitischen Islam sei[7], und dass Muslime dem Islam und nicht dem Weg des westlichen Liberalismus und Kapitalismus noch dem des östlichen Kommunismus folgen sollten: Na Sharghi Na gharbi Jomhuriyeh Eslami (Weder West noch Ost sondern eine Islamische Republik).
Am 6. Oktober 1978 wird Chomeini von Saddam Hussein des Landes verwiesen und nach Frankreich abgeschoben. Erst in Neauphle-le-Château, seinem Wohnort in Frankreich, – in Nadschaf war Chomeini nur ein Ajatollah unter vielen – war es für Chomeini möglich, mit den Möglichkeiten der internationalen Presse Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und die Verbreitung seiner Reden mittels Tonbandmitschnitte in den Iran zu forcieren. Taheri [8] zählt in den wenigen Monaten 132 Rundfunk-, Fernseh- und Presseinterviews auf. Beheshti spielte bei der Verbreitung in den Iran eine entscheidende Rolle. [9]
Die Oppositionsbewegung
Die folgenden Jahre waren geprägt durch rigoroses Durchgreifen des Schahs und seines Geheimdienstes SAVAK. Politische Opposition gegen die Monarchie und den autoritären Herrschaftsstil des Schahs war nicht zugelassen und wurde mit zunehmender Härte unterdrückt. Dennoch gab es drei wichtige Oppositionsbewegungen:
Zum einen waren die linken Gruppen politisch und oppositionell aktiv. Die kommunistische Tudeh-Partei leistete überwiegend friedlichen Protest durch die Organisation von Streiks und Demonstrationen. Die oftmals maoistisch oder marxistisch geprägten Volksmudschahedin führten einen bewaffneten Guerillakrieg. Beide Bewegungen sahen sich erheblicher Verfolgung ausgesetzt, viele Führungspersönlichkeiten wurden hingerichtet.
Eine zweite Oppositionsbewegung bildete die von Mossadegh gegründete Nationale Front (auch als Nationale Widerstandsbewegung bezeichnet), ein Zusammenschluss diverser Parteien. Unter ihnen fanden sich Demokraten, Befürworter einer nationalen Nutzung der Ölressourcen und Wirtschaftsliberale. Ein prominenter Anhänger dieser Bewegung war Mehdī Bāzargān.
Die dritte und für die Revolution entscheidende Oppositionsbewegung gegen den Schah bildete die so genannte Hezbollah. Deren Mitglieder und Sympathisanten bestanden meist aus Anhängern der religiösen Mullahs um Ajatollah Chomeini. Sie forderten schon lange vor der Revolution die Absetzung des Schahs und die Errichtung eines schiitischen Gottesstaates in denen die Regeln des Islams gelten und das Recht gemäß der Schari’a ausgelegt werden sollten.
Als der Schah auf Drängen des US-Präsidenten Jimmy Carter mehrere hundert politisch Inhaftierte Oppositionelle aus der Haft entließ und die Verhältnisse in den iranischen Gefängnissen generell verbesserte, wurde die Oppositionsbewegung unverhofft gestärkt.
Demonstrationen und Streiks
Herbst 1977
Der Tod Mostafa Chomeinis
Die ersten militanten Anti-Schah-Demonstrationen begannen im November 1977 in Tabriz und Schiraz nach dem Tod von Mostafa, dem Sohn Chomeinis.[10] Die Zahl der Demonstranten belief sich auf wenige hundert. In der Ark-Moschee von Teheran wurde bei der Trauerrede zu Ehren seines Sohnes Chomeini zum ersten Mal als „Imam“ bezeichnet. In der letzten Woche des Novembers 1977 schlossen die meisten Geschäftsleute des Teheraner Basars ihre Geschäfte und begaben sich in einen Streik, um damit der Trauergemeinde von Mostafa Chomeini ihr Mitgefühl auszusprechen. Selbst der alte und allseits respektierte Ayatollah Seyyed Ahmad Khansari konnte die Geschäftsleute nicht dazu bewegen, ihre Geschäfte wieder zu öffnen und den Streik abzubrechen.[11]
Am 2. Dezember 1977 fand in Qom eine 40 Tage nach dem Sterbefall organisierte Gedenkzeremonie für Mostafa Chomeini statt. Bei dieser Zeremonie traten die sonst üblichen religiösen Ansprachen völlig in den Hintergrund. Bei der Zeremonie wurde ein 14 Punkte umfassender Forderungskatalog verlesen, der von der Trauergemeinde durch Beifall angenommen wurde. Die Forderungen lauteten:
- Rückkehr Chomeinis aus dem Exil,
- Freilassung aller politischen Gefangenen,
- Wiedereröffnung aller Religionsschulen, die wegen ihrer politischen Aktivitäten geschlossen worden waren,
- Uneingeschränkte Redefreiheit,
- Verbot der Pornographie,
- Recht der Frauen, den Tschador zu tragen,
- Unterstützung der Armen,
- Unabhängigkeit vom internationalen Kapitalismus und Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel,
- Abschaffung der neuen, nach der 2.500 Jahr-Feier eingeführten Jahreszählung und Rückkehr zum Islamischen Kalender.
Durch das Verlesung dieser Forderungen im Rahmen einer schiitischen Zeremonie und einer Art Abstimmung durch zustimmende Rufen der Anwesenden war aus einer religiösen eine politische Veranstaltung geworden. Nach dem offiziellen Ende marschierte eine kleinere Gruppe angeführt von jungen Klerikern mit den Rufen „Lang lebe Chomeini, Tod dem Schah“ zur Fayziyeh-Religionsschule, die 1975 nach Krawallen geschlossen worden war. Auf dem Weg zur Schule wurden Scheiben von Banken zertrümmert und eine Polizeistation angegriffen. 28 Demonstranten wurden verhaftet.[12]
In den beiden letzten Monaten des Jahres 1977 hatten es die Anhänger Chomeinis verstanden, die politische Initiative an sich zu reißen. Sie konnten mit dem Ergebnis ihren bisherigen Aktionen zufrieden sein. Chomeini, der zu Beginn des Jahres 1977 in seinem Exil im Irak zunehmend in Vergessenheit geraten war, war wieder Tagesgespräch. Die Zahl der Demonstranten, die seine Anhänger mobilisieren konnten, betrug zum Ende des Jahres 1977 bereits einige tausend.
1978
“Iran und der schwarze und rote Kolonialismus”
→ Hauptartikel: Offener politischer Raum
Am 7. Januar 1978 (17. Dei 1356) erschien in der Tageszeitung Ettelā’āt unter dem Namen Ahmad Rashidi Motlagh ein Artikel, der den Titel Iran und der schwarze und rote Kolonialismus trug. In ihm wird Chomeini als „Draufgänger, prinzipienloser Lakai kolonialer Machtzentren und Karrierist…“ bezeichnet.[13] Dieser Artikel gilt gemeinhin als Auslöser der Revolution.[14][15][16] Am 8. Januar 1978 kamen einige hundert Studierende zusammen, die randalierend durch die Straßen von Qom zogen, die Scheiben einiger Banken einschlugen und ihnen entgegen kommende Personen verprügelten, die sie beschuldigten, Agenten der Regierung zu sein. Einige Aktivisten hatten die Kaufleute des Basars von Qom überredet, ihre Geschäfte für den kommenden Tag zu schließen, und den Protest der Studenten zu unterstützen. Einige tausend Demonstranten zogen am 9. Januar 1978 durch die Stadt, wobei sie dieses Mal schweigend demonstrierten, um den Sicherheitskräften keinen Anlass für ein Eingreifen zu geben. An einer Polizeistation in der Innenstadt hatten die Sicherheitskräfte eine Straßensperre eingerichtet. Als die Demonstranten an der Straßensperre angekommen waren, wurde durch einen Steinwurf die Scheibe einer Bank zertrümmert, was die Sicherheitskräfte veranlasste, mit Schlagstöcken gegen die Demonstranten vorzugehen, um die Demonstration aufzulösen. Nun begann eine regelrechte Straßenschlacht, die bis gegen 21 Uhr andauerte. Nach Angaben des “Center for Documents on the Islamic Revolution“ der Islamischen Republik Iran kamen bei der Straßenschlacht mit der Polizei von Qom fünf Demonstranten zu Tode.[17]
Schnell verbreiteten sich jedoch Gerüchte, dass es bei Demonstrationen in Qom mindestens 100 Tote gegeben hätte. Später war dann von 300 Toten die Rede. Zudem wurde verbreitet, dass Chomeini in dem in der Zeitung Ettelaat erschienen Artikel, der Homosexualität bezichtigt worden sei, dass seine Frau eine Straßenhure gewesen sei, und dass Chomeini statt tiefgründiger theologischer Werke nur schlechte Gedichte geschrieben hätte. Innerhalb einer Woche kam es in allen größeren Städten zu Demonstrationen und in mindestens drei Städten wurde gestreikt. Das angebliche „Massaker von Qom“ diente den Demonstranten als „Beleg für die Missetaten des repressiven Regimes des Schahs“.[18]
Nach schiitischer Tradition findet 40 Tage nach einem Todesfall eine Gedenkzeremonie für den Toten statt. Nach Ablauf dieser Frist kam es am 18. Februar 1978 zu Gedenkzeremonien mit Demonstrationen für die “Toten von Qom”. Trotz der Aufforderung ruhig zu belieben, kam es in Tabriz wiederum durch Steinwürfe ausgelöst, zu einer Straßenschlacht mit den Sicherheitskräften, an deren Ende 13 Tote zu beklagen waren. Nach bewährtem Muster wurde die Zahl der Toten in gezielt gestreuten Gerüchten auf 500 erhöht, um die gegen Chomeini eingestellten Kleriker weiter unter Druck setzen zu können. Großayatollah Schariatmadari war nach den Demonstrationen von Tabriz wütend, dass sein Aufruf zu gewaltfreien Demonstrationen missachtet worden war, und erklärte ultimativ, dass in Demonstrationen „keine Art aufhetzender Slogans oder gewalttätige Demonstrationen erlaubt seien“. [19] Nachdem Chomeini an die Macht gekommen war, sollte Großayatollah Schariatmadari erhebliche Kritik für seine „destruktiven Äußerungen nach den Demonstrationen von Tabriz“ erfahren.
Der Brandanschlag auf das Cinema Rex
→ Hauptartikel: Brandanschlag Cinema Rex
Am 19. August, nach iranischem Kalender am 28. Amordad, dem 25. Jahrestag des Sturz der Regierung Mossadegh, wurden von Islamisten 28 Kinosäle in ganz Iran in Brand gesteckt. Über 400 Tote waren bei dem Brandanschlag auf das Cinema Rex in Abadan zu verzeichnen. Bahmand Nirumand spricht von 477 Toten[20], nach anderen Quellen starben mindestens 600[21] Menschen. Obwohl Kinos ein bevorzugtes Ziel der islamische Oppositionsbewegung waren, wurde das von Chomeini verbreitete Gerücht geglaubt, die SAVAK sei für das Feuer verantwortlich. Weit über 10.000 Menschen gingen für die Opfer des Brandes und gegen den Schah auf die Straße.
Der schwarze Freitag
→ Hauptartikel: Schwarzer Freitag (1978)
Ab September des Jahres 1978 waren Massendemonstrationen an der Tagesordnung, und der Schah rief unter Berufung auf das Kriegsrecht ein allgemeines Demonstrationsverbot aus. Am 8. September begannen in Teheran massive Proteste, die Anzahl der Todesopfer betrug 88 nach Emad al-Din Baghi. Der Tag ging als Schwarzer Freitag in die Geschichte ein. Es kam zusätzlich zu den Demonstrationen zu Massenstreiks, die die iranische Wirtschaft beinahe völlig zum Erliegen brachten.
Die sogenannten Muharram-Proteste gipfelten in einer Massendemonstration mit über 2 Millionen Teilnehmern rund um den Teheraner Freiheitsturm am 2. Dezember 1978. Die aufgebrachte Menge forderte den Rückzug des Schahs und die Rückkehr von Ajatollah Chomeini.
1979
Nach der Konferenz von Guadeloupe im Januar 1979, auf der der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing, Präsident Jimmy Carter aus den USA, Premierminister James Callaghan aus Großbritannien und Bundeskanzler Helmut Schmidt beschlossen hatten, den Schah nicht mehr zu unterstützen und das Gespräch mit Ayatollah Ruhollah Chomeini zu suchen, verließ Mohammad Reza Pahlavi am 16. Januar 1979 Iran. Seine Abschiedsworte waren:[22]
„Ich musste in Bezug auf die Unruhen, die es in unserem Land gibt, viel Geduld aufbringen. Jetzt bin ich müde und benötige dringend Ruhe und Erholung…“
Der Schah hatte am 31. Dezember 1978 Schapur Bachtiar, ein führendes Mitglied der Nationalen Front, zum Premierminister bestimmt, der aber dem Druck der Massen nicht standhalten konnte und Ajatollah Chomeini noch im Januar die Einreise in den Iran gewährte. Die SAVAK wurde aufgelöst, politische Gefangene befreit und Symbole der Schahherrschaft zerstört.
Am 1. Februar landete Chomeini in Teheran und wurde von Millionen Iranern begeistert empfangen. Inzwischen war er in den Augen vieler Schiiten zu einem Heiligen geworden,[23] zu einem Retter der Nation, von Gott gesandt. Er erklärte die Errichtung eines Gottesstaates zu seinem Ziel. Nach anfänglichen Konflikten und Kämpfen innerhalb der Armee erklärte sich diese schließlich als neutral und ebnete den Weg zu einer neuen Staatsform.
James A. Bill bezifferte 1980 in einem von der Friedrich Ebert Stiftung herausgegeben Buch “The Iranian Revolution and the Changing Power Structure” die Gesamtzahl der Opfer der letzten 13 Monate vor dem Sturz des Schahs mit über 20.000 Toten und mehr als 100.000 Verletzten.[24] Nach der Islamischen Revolution wurde Emad al-Din Baghi von Chomeini persönlich beauftragt, die Familienangehörigen aller von 1941 bis 1979 vom Regime des Schahs Getöteten ausfindig zu machen, um ihnen eine Entschädigung für das ergangene Leid zahlen zu können. Emad al-Din Baghi war schockiert, dass es nicht mehrere zehntausend Toten waren, sondern dass die Zahl der von 1941 bis 1979 getöteten Personen, wie er bei seinen Recherchen herausfand, “nur” 341 betragen hat. 177 Personen waren bei gewalttätigen Demonstrationen zu Tode gekommen, 91 verhaftete Personen waren nach einem Gerichtsverfahren hingerichtet worden, 42 verhaftete Personen waren im Gefängnis gestorben, 7 Verhaftete hatten Selbstmord begangen und 9 Verhaftete waren bei dem Versuch, aus dem Gefängnis auszubrechen, erschossen worden. Das Schicksal von 15 Personen konnte nicht geklärt werden. Der Bericht von Emad al-Din Baghi konnte erst nach dem Tod Chomeinis im Jahr 2003 veröffentlicht werden, da er im krassen Widerspruch zu Chomeinis Behauptungen stand, der immer von “hunderttausende von Toten” gesprochen hatte.[25] Die Anzahl der im Zeitraum von 1941 bis 1979 verhafteten politischen Gefangenen gab Emad al-Din Baghi mit 3.164 an.
Die Islamische Republik Iran
→ Hauptartikel: Politische Entwicklung des Iran
Chomeini konnte sich mit seinem im Exil ausgearbeiteten Staatskonzept des Welayat-e-faghih gegen die Befürworter einer weltlichen Demokratie durchsetzen. Die Verfassung, die Chomeini zum Obersten Rechtsgelehrten ernannte und die theokratische Islamische Republik Iran konstituierte, wurde am 31. März 1979 per Volksentscheid mit überwältigender Mehrheit angenommen. Auf den Wahlzetteln gab es die Wahlmöglichkeiten:
- Islamische Republik:
- Ja (grün)
- Nein (rot)
Iran wurde damit zum Gottesstaat unter der Herrschaft einer Minderheit der höchsten geistlichen Autorität des schiitischen Islams, welche nicht zögerte, unter Anwendung brachialer Gewalt ihre Herrschaft im Iran durchzusetzen.
Zunächst integrierte Chomeini die beiden anderen Oppositionsbewegungen in seinem Staatsmodell, griff aber bald hart durch. Die Mitglieder der Tudeh-Partei und jeglicher linker Opposition sahen sich einer brutalen Verfolgung ausgesetzt, ähnlich wie zu Zeiten der Schahherrschaft. Auch die weltliche Opposition wurde zum Opfer von Inhaftierungen, Folterungen und Hinrichtungen. Die Volksmudschahedin entwickelten sich Anfang der 1980er Jahre zur bedrohlichsten konterrevolutionären Bewegung, die viele Attentate auf Angehörige des Chomeini-Stabes verübte.
Reaktionen
Die iranisch-amerikanischen Beziehungen kamen mit der Geiselnahme von Teheran völlig zum Erliegen. Die USA wurden von Chomeini als Feindbild aufgebaut und als Großer Satan bezeichnet.
Der Anspruch Chomeinis, die Revolution in die islamischen Nachbarländer zu exportieren (Revolutionsexport), führte unter den dortigen Monarchien zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Iran. Saddam Hussein begann 1980 sogar den Iran-Irak-Krieg, der bis 1988 andauerte und die Exportambitionen des Chomeini-Regimes letztlich zunichte machte.
Einzelnachweise
- ↑ Gholam Reza Afkhami: The life and times of the Shah. University of California Press. 2009, S. 234.
- ↑ http://atashforuzan.persianblog.ir/post/53
- ↑ Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2009, S. 51.
- ↑ Bahman Nirumand: Mit Gott für die Macht. Hamburg 1989. Seite 125
- ↑ Sandra Mackay: Iranians. 1996, S. 215.
- ↑ Nikki R. Keddie: Modern Iran. 2003, S.201ff.
- ↑ The Last Great Revolution Turmoil and Transformation in Iran von Robin WRIGHT.
- ↑ Amir Taheri: Chomeini. Seite 284
- ↑ Heinz Nußbaumer: Khomeini. München 1980. Seite 125
- ↑ Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 164.
- ↑ Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 28.
- ↑ Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 29.
- ↑ Bahman Nirumand/Keywan Daddjou: Mit Gott für die Macht. Hamburg 1987, ISBN 3-499-12718-0, S. 161f..
- ↑ Amir Taheri: Chomeini und die Islamische Revolution. Hamburg 1985, ISBN 3-455-08237-8, S. 248ff..
- ↑ Monika Gronke: Geschichte Irans. München 2003, S. 109.
- ↑ Katajun Amirpur/Reinhard Witzke: Schauplatz Iran. Freiburg 2004, ISBN 3-451-05535-X, S. 68.
- ↑ Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 37
- ↑ Zamimeh-ye Khabar-Nameh, Februar-März 1978, S. 31. Zitiert aus Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 37
- ↑ Charles Kurzmann: The Unthinkable Revolution. Harvard University Press, 2005, S. 46.
- ↑ Nirumand/Daddjou 1987, S. 167
- ↑ Taheri 1985, S. 274
- ↑ Nirumand/Daddjou 1987, S. 202
- ↑ Taheri 1985, S. 251
- ↑ James A. Bill: The Iranian Revolution and the Changing Power Structure. In: Iran in der Krise. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1980, ISBN 3-87831-341-1.
- ↑ http://atashforuzan.persianblog.ir/post/53
Literatur
- Amad Farughy/Jean-Loup Reverier: Persien: Aufbruch ins Chaos? Eine Analyse der Entwicklung im Iran von 1953–1979. München 1979, ISBN 3-442-03846-4.
- Ahad Rahmanzadeh: Revolution und Re-Islamisierung im Iran. In: Mitteilungen des deutschen Orient-Instituts. Nr. 21, Hamburg 1984.
Commons: Islamische Revolution – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
- The Story of the Revolution (Geschichte der Islamischen Revolution; pers./engl.)
Bilder
- iranrevolution.com von Akbar Nazemi
- Iranische Revolution, Fotos von Kaveh Golestan
- Fotos von Kave Kazemi
- In pictures: The Iranian revolution, BBC World (engl.)